Grundsätze

Grundsätze in der Unterstützung und der Beratung von Stalkingopfern:

Die Opferarbeit in Stalking/Nachstellungssachen hat durchaus Parallelen mit Beratungsarbeit in Fällen häuslicher Gewalt, aber auch einige Besonderheiten, die für die Beratung aber von entscheidender Wichtigkeit ist.

Da Stalkingsituationen grundsätzlich ein erhebliches Gefahrenpotential in sich tragen können (nicht müssen) ist es für Berater unumgänglich, sich Grundkenntnisse über das Phänomen Stalking zu erarbeiten und alle Schritte, die nach außen mit dem Opfer zusammen gemacht werden sollen (Anzeige, Anträge bei Gericht etc.), genauestens zu prüfen und abzuwägen. In besonderen Situationen können nämlich Handlungsschritte zu einer Eskalation führen, die das Opfer erheblich gefährden.

Zunächst sollte der Berater sich allein auf das Opfer selbst konzentrieren, bevor Schritte nach außen gemacht werden.

Grundsätzliche Kenntnis von der besonderen Situation von Stalkingopfern zu haben, ist entscheiden für die Hilfeplanung.

An anderer Stelle in dieser Broschüre erhalten Sie Hinweise darauf, dass Stalkingopfer häufig stark traumatisiert sind und können die daraus resultierenden psychischen Besonderheit erkennen.

Viele Nachstellungsopfer haben mit dem Täter eine (Gewalt-)beziehung gehabt, sie zählen auch zu denjenigen, die am meisten gefährdet sind. Allerdings treffen wir auch regelmäßig auf Opfer, die den Täter nur entfernt (als Arbeitskollegen, Nachbarn) kennen oder zuvor noch nie mit ihm Kontakt hatten.

Stalkingopfer bringen regelmäßig erst nach einer langen Leidensphase Mut auf, sich an Berater zu wenden.

Dies hat seinen Grund zum einen darin, dass das Phänomen Stalking in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt ist und Opfer sich in ihrer Leidenssituation oft „einzigartig“ vorkommen. Dies erschwert es ihnen, Hilfe zu suchen („das glaubt mir ja doch keiner“; „Wieso passiert mir so was, irgendwas habe ich bestimmt getan, dass das so ist“).

Häufig sind erste Hilfeversuche bereits gescheitert sind, weil Freunde und Bekannte erklären: „Stell Dich nicht so an, ist doch nicht so schlimm“ oder auch die Polizei erklärt, da sei eben nichts zu machen.

Gewaltopfer haben eine sehr unterschiedliche Art, die Geschehnisse zu schildern. Manche sind aufgelöst, geradezu hysterisch. Andere scheinbar cool und Sie haben zunächst Schwierigkeiten zu erkennen, warum Sie überhaupt als Berater eingeschaltet werden, weil das Opfer doch alles im Griff zu haben scheint.

Diese unterschiedlichen Reaktionen von Gewaltopfern lassen keine Rückschlüsse auf die Schwere der Tat zu.

Traumatisierte Opfer können sich vom Geschehenen völlig abspalten, scheinbar „cool“ und abgeklärt berichten und erscheinen wenig belastet, andere scheinen völlig hysterisch, springen von einem Thema zu nächsten, verlieren ihren Erzählfaden, weinen, zittern.

Alles ist „normal“.

Entscheidend ist die Kenntnis des Beraters, dass es kein typisches Opferverhalten gibt und Sie deshalb anhand des Verhaltens keine Rückschlüsse auf den Wahrheitsgehalt und den Grad der Betroffenheit machen können.

Da Sie häufig der erste Mensch sind, der sich nach langer Leidenszeit die „Geschichte“ des Opfers anhört, sollten Sie das nicht wertende und insbesondere nicht kommentierende Zuhören als 1. Phase Ihrer Unterstützung begreifen.

In der Regel sind Notizen des Beraters in dieser Phase überflüssig und nur irritierend. Das Opfer empathisch anzunehmen, ist der erste Schritt, um zu entlasten.

Ruhig anzunehmen und zuzuhören wird Beratern/Beraterinnen in Stalkingberatungen oft schwer fallen, wenn eine panikartige Stimmung vom Opfer verbreitet wird. Dass Opfer nämlich erlebt den Täter nach langer Leidensdauer häufig als allmächtig. Bleiben Sie jedoch zunächst in jedem Fall in der Zuhörerrolle, bis Sie den Eindruck haben, den größten Teil der Geschichte zu kennen.

Erhalten Sie sehr reduzierte Beschreibungen eines Stalkingopfers, kann es zur Entlastung angebracht sein, Nachfragen zu stellen. Diese können z.B. mit Fragen nach dem üblichen Tagesablauf des Opfers eingeleitet werden. Schnell erhält man dann Beschreibungen, wie häufig der Täter vor der Tür steht, dass das Opfer „selbstverständlich“ nie mehr alleine hinausgeht, in der Dunkelheit die Straße nicht mehr betritt, am Arbeitsplatz durch Telefonate belästigt wird.

Details der Stalkinghandlungen interessieren in dieser ersten Phase nicht, wirre Beschreibungen, zeitliches Springen, keine chronologische Ordnung der Beschreibung der Geschehnisse sind gleichgültig.

Eine Unterbrechung nach der Zuhörenphase ist für Berater und Opfer gleich wichtig.

Dies allein schon, um sich konzentriert der 2. Phase zuzuwenden, der Planung der Unterstützung.

Die können Sie mit der simplen Frage an das Opfer, was es will, einleiten und erhalten meist die ebenso simple, aber eben komplexe Antwort: „ Es soll einfach aufhören, ich will mein altes Leben wieder.“

Diesen Wunsch können Sie und auch kein anderer auf der Stelle erfüllen. Dies auszusprechen ist wichtig. Sie machen sich und dem Opfer klar, dass sie an eine realistische Planung herangehen wollen, die auf einen langfristigen Erfolg setzt, aber eben manchmal noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Sie sollten Informationsmaterial bereit halten oder aus dem Internet herunterladen können, das dem Opfer die eigenen Interventionsmöglichkeiten schildert (Hilfe zur Selbsthilfe).

Anhand dieser Empfehlungen, können Sie in die konkrete Planung „einsteigen“. So geben Sie dem Opfer die Möglichkeit, sich nicht nur ausgeliefert zu sehen, sondern sich endlich wieder als Handelnde zu begreifen, die ihr eigenes Leben nach und nach in den Griff bekommt. Häufig wird im nächsten Schritt der Täter als weniger allmächtig empfunden.

Die Empfehlungen lauten :

Abstinenz

Transparenz

Dokumentation

Konsequenz

Die Abstinenz bedeutet, dass das Opfer dem Täter nur noch einmal unmissverständlich klar machen soll, dass es keinen weiteren Kontakt wünscht und es sich nie wieder, auf welche Kontaktversuche des Täters auch immer, meldet.

Helfen Sie dem Opfer konkret, aber: Nie soll dies im Rahmen einer letzten persönlichen Aussprache erfolgen, auch nicht in Ihrer Anwesenheit.

Ein „Zweizeiler“ als Brief , sms oder Mail reicht!

Konkrete Hilfe heißt: Gemeinsam überlegen, mit welchen Medien dies dem Stalker übermittelt wird, darauf zu achten, dass es nicht beleidigend oder provozierend geschieht, dass die Ansprache frei von Entschuldigungen ist und rein sachlich die einfache Information enthält: „Ich wünsche keinerlei weiteren Kontakt, auf welchem Wege auch immer.“

Transparenz heißt, das Stalking „öffentlich“ zu machen. Nachbarn und Arbeitskollegen davon zu erzählen, wenn in diesen Umgebungen das Stalking stattfindet, Freunde, Familie etc zu informieren. Als Berater können Sie dies konkret mit dem Opfer planen: wer sollte zum Schutz informiert werden, wer sollte zur Vermeidung von Nachteilen informiert werden, wie und wer informiert, ohne dass das Intimleben des Opfers bekannt gegeben werden muss.

Dokumentation bedeutet, dass das weitere oder schon geschehene Stalking festgehalten wird, um Beweismittel zu sammeln. Dies kann notwendig sein, um später oder sofort polizeiliche oder gerichtliche Maßnahmen einzuleiten. Gerade diese Sammlung ist für Opfer sehr belastend, denn am liebsten möchte es die ständigen Nachstellungen verdrängen. Viele haben das Gefühl, wenn sie alles sammeln, ist es noch schlimmer.

Gut ist ein kleines Tagebuch in Form eines Vokabelheftchens, um die Informationen aufzuschreiben, da dies in jede Handtasche passt. Es hilft dem Opfer, wenn Sie mit dem Opfer die äußere Form der der Sammlung besprechen (Spalten bilden für Zeitpunkt, Art der Handlung, Ev. Zeugen oder ähnlich).

Hilfreich und zur Stabilisierung notwendig ist es, wenn das Opfer gesendete schriftliche Mitteilungen des Stalkers nicht mehr selbst lesen muss. Allerdings muss jemand lesen, auch um zu sehen, ob Eskalationen drohen.

Planen Sie mit dem Opfer, wer das übernehmen kann und wie derjenige/diejenige verfahren soll, wenn die schriftlichen Mitteilungen bedrohlicher werden. Gleiches gilt für das Abhören des (anzuschaffenden) Anrufbeantworters etc.

Konsequenz fällt vielen Opfern schwer, insbesondere bei gescheiterten Beziehungen zwischen Stalker und Opfer. Konsequenz bedeutet nämlich, nie wieder auf die Nachstellungshandlungen des Täters zu reagieren.

Klären Sie mit dem Opfer, wie Sie das konsequente Verhalten unterstützen können.

Kann das Opfer diese Konsequenz nicht aufbringen oder nicht so lange (insbesondere bei Stalking nach gescheiterten Beziehungen schwierig), so sollten Sie Vorwürfe vermeiden (macht sich das Opfer sowieso) und gemeinsam Wege erarbeiten, wie zukünftige Reaktionen vermieden werden können.

Mit diesen Unterstützungsleistungen geben Sie dem Opfer bereits das Gefühl, nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Wollen Sie weitere Schritte mit dem Opfer tun, z.B. sogenannte Nährungsverbote bei Gericht erwirken, Strafanzeigen machen, so beachten Sie bitte, dass es Fallkonstellationen geben kann, in denen dies kontraproduktiv ist und eskalationssteigernd.

Sind Sie nicht so sehr im Thema „Stalking“, so kann es eher angezeigt sein, dass Opfer zu weiteren Beratern zu begleiten, als selbst aktiv zu werden bzw. dem Opfer solche Schritte ans Herz zu legen.

Bitte beachten Sie, dass es für die Polizei, erfährt sie von einer Straftat (und Stalking ist eine Straftat) einen sog. Strafverfolgungszwang hat. Sie können also nicht das Opfer dort zu einer „Beratung „ hinschicken, wenn das Opfer noch überlegt, ob es überhaupt eine Anzeige machen soll. Wenden Sie sich mit dem Opfer z.B. an einen Opferschutzbeauftragten der Polizei, so kann es deshalb angezeigt sein, zunächst die Geschichte einer fiktiven Freundin vorzutragen und erst später zu entscheiden, ob man wirklich sagen will, dass es um einen selbst geht und nun Anzeige erstattet werden soll.

Sollen gerichtliche Verfügungen beantragt werden, so ist dies zwar direkt bei Gericht möglich, in dem Sie sich an die Rechtspfleger wenden. Da es aber entscheidend auf die Schilderung des Sachverhaltes unter den richtigen juristischen Einordnungen ankommt, sollte Sie mindestens jemand begleiten, der damit regelmäßig umgeht. Fehlt dies in ihrer Nähe, so ist es in der Regel besser, solche Anträge dann über Anwälte stellen zu lassen.

Die Landesinitative Stalking NRW e.V ist ein fachübergreifender Zusammenschluss von Berufsgruppen, die mit dem Thema Stalking zu tun haben. Ziel des Vereins ist es, die Vernetzung dieser Berufsgruppen zu fördern, aber auch die Öffentlichkeit besser über das Phänomen Stalking zu informieren. Der Verein organisiert fachliche Fortbildungen und installiert eine Informationsplattform im Internet. Vernetzung hilft uns Beratern, Wissen auszutauschen, Wissenslücken zu schließen und kurze Wege zu entwickeln, mit anderen Professionen in der konkreten Beratungssituation schnell in Kontakt zu kommen.